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Kanarische Inseln?

…na, nie und nimmer!

 

Cadiz ist eine geschäftige Hafenstadt an der Südwestküste Spaniens, von der einst Kolumbus mit seiner kleinen Flotte (Santa Maria, Pinta und Nina) nach Westindien aufgebrochen ist; in unserer Marina “Puerto Sherry”, benannt nach dem ehemaligen Weinverladehafen mit Stierkampfarena, historischen Lagerhäusern und hübscher Altstadt, liegt ein Nachbau der “Santa Maria”. Originalgetreu und vergleichsweise winzig. Unvorstellbar, unter welchen Bedingungen die Mannschaft samt Vorräten und sogar einigen Tieren damals auf ihr gehaust haben muss!

 

Hier kommen unsere Freunde Dagi, Charly, Friedrich und Rainer an Bord, hochmotiviert und voller Tatendrang.

Anders als seinerzeit Kolumbus wollen wir nicht ins Ungewisse fahren, sondern checken sorgfältig die Wetterberichte für die rund 550 Meilen lange Überfahrt auf die Kanaren. Nachdem sich alle eingerichtet haben verbringen wir noch einen Tag mit Einsegeln in der  großen Bucht, um uns mit VOODOOCHILE vetraut zu machen. Sie verhält sich artig und läuft zur Begrüßung mit fast 10 Knoten durch die moderate Dünung.

Da das Wetter nur für zwei Tage günstig sein soll, ist unser “Plan B”, eventuell unterwegs die Stadt Rabat in Marokko anzulaufen, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten. Wir bunkern Wasser, Lebensmittel und Diesel für zehn Tage und laufen in der Abenddämmerung aus. Gleich in der ersten Nacht bläst es mit gut 25 Knoten aus Gibraltar heraus und wir sind sehr schnell. Dagi und Charly, als eingespieltes Team, steuern das Boot mit stoischer Ruhe und hoher Fahrt durch die Nacht; Rainer und Friedrich, die schon in Schottland gemeinsam gesegelt sind, sind mit solchen Verhältnissen vertraut. Der nächste Morgen erwartet uns mit Kabbelsee, umlaufendem Schwachwind und leider auch Gegenstrom. Wir kreuzen so gut es geht, müssen schließlich aber doch den Motor starten. Gegen Abend basteln wir uns in der Flaute – das nächste Tief ist schon im Anmarsch – durch die halbe marokkanische Fangflotte. Rundum Wetterleuchten und nahende Gewitter. Der Stop in Rabat wird beschlossen, aber hier, im Fluß Bouregreg, kann man nur bei Hochwasser einlaufen. Wir sind sechs Stunden zu früh und laufen daher nochmals für einige Zeit aufs Meer hinaus und wieder zurück. Das Leuchtfeuer ist außer Betrieb, aber wir finden die Einfahrt trotzdem, funken die Lotsen herbei (hier üblich und notwendig) und surfen hinter ihnen auf der hohen Dünung zwischen den gewaltigen Breakwaters in den Fluß hinein, wobei nur wenige Meter neben dem Boot in den Wellentälern die Steine herausschauen. Extrem spannend!

Das Einklarieren in Marokko dauert seine Zeit (glücklicherweise hat Rainer in Cadiz noch eine marokkanische Flagge gekauft), aber die Beamten sind sehr freundlich und irgendwann liegen wir dann doch am Steg dieses modernen Hafens. Auch mehrere andere Fahrtenyachten warten hier auf besseres Wetter für die Weiterfahrt. Für alle wird die Teilnahme am beliebten “Wetterquiz” zur täglichen Routine: Passageweather, Wetteronline, US-Gribfiles, El Tiempo, Windguru…? Selbst der Durchschnitt von allen gibt wenig Hoffnung, denn der Hurricane “Sandy” sendet, wie auch schon seine Vorgänger, alle drei Tage ein Teiltief nach Osten, und gegen 30 Knoten und mehr wollen wir sicher nicht kreuzen.

Ein paar Tage können wir ja noch zuwarten und erkunden daher die Medina von Rabat und jene von Salé, wo derzeit wegen eines hohen Feiertages hunderte Schafe geschlachtet werden und deren Überreste auf den Straßen liegenbleiben. Um den unerwarteten Ausflug in den Orient zu nutzen, macht die Crew per Bahn einen Ausflug in eine weitere Königsstadt: nach Fes.

 

Das sehnlichst erwartete Azorenhoch will aber nicht kommen und der dauernde Südwest- und Südwind macht es jetzt höchst unwahrscheinlich, rechtzeitig zu den Heimflugterminen nach Teneriffa zu kommen. Es muss also der ungeliebte Entschluß, nach Festlandspanien zurückzukehren, gefaßt werden. Trotz der Tatsache, dass wir das geplante Ziel nicht erreichen werden, und dass es ärgerliche Umbuchungen der Heimreise verlangt, trägts die Crew mit Fassung und bleibt guter Dinge. Vielen Dank an Euch, dass Ihr soviel Verständnis für die Eigenheiten des Fahrtensegelns gezeigt habt! Die Sicherheit geht halt vor. Die Regenstunden wettern wir mit Musik, Lesen und Astronavigation ab.

 

Wir verabschieden uns von unseren lieben schweizer Stegnachbarn Marlies und Oliver, klarieren aus und fahren hinter den Lotsen in den üblichen Regenschauern wieder hinaus aufs Meer. Im Fluß treffen wir noch unsere Freunde von der “Creuza di Mä”, die gerade eingelaufen sind – es wird heftig gewinkt; auch viele marokkanische Fischer und etliche Yachties winken. Diese Community!

Der Plan ist, zuerst Gibraltar zu besichtigen und dann möglichst wieder nach Cadiz zurückzufahren, aber aus den vereinbarten 15 Knoten Wind werden wieder einmal 30. A scho wurscht! VOODOOCHILE zieht bei 8 bis 9 Knoten Speed das Leedeck durchs Wasser. Am zweiten Tag müssen wir dann schließlich abfallen. Gibraltar wird verschoben und wir laufen erst einmal Barbate an, um etwas auszuruhen. Dieser Ort bietet – wie schon im Hafenhandbuch erwähnt – außer einem Spazierweg durch einen Pinienwald und Dauerregen “genau gar nichts”. Wir berechnen daher die Strömung in der Straße von Gibraltar voraus, checken wieder einmal unsinnigerweise den Wetterbericht, und machen uns so bald wie möglich davon; bei Riesendünung und Totenflaute. Die Stromberechnung war aber richtig und bei später aufkommendem Wind laufen wir mit 11 Knoten über Grund vorbei an Tarifa nach Osten. Die Ansteuerung von La Linea in der Bucht von Gibraltar ist wie immer sehr spannend. Es herrscht unglaublicher Schiffsverkehr. Bei Einbruch der Dunkelheit machen wir in der Marina Alcaidesa fest.

Am nächsten Tag gibt’s eine geführte “Rock Tour” auf den berühmten britischen Affenfelsen und hinein in dessen tolle Höhlen; außerdem einen Einkaufsbummel und endlich britisches Essen! Eigenartig, zu Fuß über die Grenze und dann auch über die Rollbahn des Flughafens gehen zu müssen.

 

In der Folge habe ich wahrscheinlich zu lange mit der Entscheidung, die Reise hier enden zu lassen, zugewartet. Gerne hätte ich der Crew die Möglichkeit gegeben, die 80 Meilen nach Cadiz noch zurückzusegeln, aber aufgrund der zu erwartenden Wetterkapriolen wollte ich schließlich doch nicht riskieren, am Ende dort doch noch zu spät anzukommen und die Heimflüge womöglich ein zweites Mal umbuchen zu müssen. Wir machen noch einen Tag lang Hafenmanöver, was mit einem 30 tonnen schweren Langkieler doch eine neue Erfahrung für alle ist. Dann wird zum letzten Mal an Bord gekocht, denn der geplante Restaurantbesuch wird uns wieder von einem Regenschauer vermasselt.

Trotz Themenverfehlung war es eine wunderbare Reise und ich danke – auch im Namen von Uli – der großartigen Crew – für das Verständnis, “the sound seamanship” und die nette Gesellschaft. Wir bleiben in Kontakt!

Liebe Grüße an alle

Peer

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