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Ti-Ti

…nennt man hier den Doppelstaat “Trinidad and Tobago”

 

Allgemeine Aufbruchstimmung! Statistisch könnten die ersten Wirbelstürme bald kommen und es ist Zeit zu handeln. Manche Crews wollen noch schnell nach Norden oder nach Panama, einige bleiben hier auf ihren Booten, in der relativen Sicherheit von Grenada (man kann ja heutzutage, mit den guten Wettervorhersagen, im Ernstfall von hier immer noch rechtzeitig nach Süden abhauen), und die meisten werden nach Trinidad gehen, das ja (noch!) außerhalb der Hurricane-Zugbahnen liegt. Viele wollen – so wie wir – von dort für einige Zeit nach Hause fliegen.

Jetzt, im Endspurt, wollen wir nichts mehr ruinieren, warten auf einen günstigen Wetterbericht für die rund 110 Seemeilen lange Überfahrt, und laufen schließich abends aus, durch die übliche Kabbelsee vor der Ausfahrt. Es wird dann eine der seltenen wirklich gemütlichen Nächte, mit guter Fahrt und wenig Gischt. Am AIS sehen wir einen Frachter eine halbe Stunde lang auf Kollisionskurs, fragen ihn am Funk, ob er uns am Radar sieht, und werden dann, nachdem er den Kurs geändert hat, zu unserer “perfect watch” beglückwünscht. Immer, wenn ich von anderen Seglern (einhand oder mit kleiner Crew) höre, dass sie die ganze Nacht schlafen gehen und sich auf die elektronischen Warnungen verlassen, läuft mir eine zarte Gänsehaut über den Rücken. Vielleicht altmodisch oder sogar hysterisch, aber auf VOODOOCHILE wird immer Wache gegangen.

Nach Mitternacht sehen wir die Lichter der beiden großen Gasbohrinseln, die auf halbem Weg nach Trinidad genau auf Kurs liegen. Der starke Strom versetzt uns zuerst nach Westen und dann wieder auf Kurs. Alles ziemlich spannend. Im Morgengrauen kommen die Konturen von Inseln und vom südamerikanischen Kontinent über die dunstige Kimm, und die Farbe des Meeres wechselt vom Tiefblau der Karibik zu silbrigem Graubraun, offenbar wegen der Orinoko-Mündung. Steile kleine Wellen werden stellenweise von gespenstischen Stromwirbeln abgelöst, und auch manch kleines Fischerboot, das in wilden Bockssprüngen unseren Kurs kreuzt, beobachten wir mit Argwohn. Man hat uns dringend vor venezolanischem Gesindel in diesen Gewässern gewarnt. Im Jahr 2013 wurden in Venezuela immerhin 700 Menschen entführt. Viele Segler, die diese Küsten von früher kennen, bedauern diese Entwicklung zutiefst. Es soll ein großartiges Revier gewesen sein.

Am Vormittag basteln wir uns durch die “Boca de Monos”, das “Affenmaul”, die schmale Einfahrt in den Golf von Paria, einem richtigen kleinen Binnenmeer, das die Insel Trinidad vom Kontinent trennt. Die auslaufende Tide in der Engstelle beschert uns rund vier Knoten Gegenstrom, und nur mit beiden Maschinen machen wir überhaupt noch Fahrt über Grund. Gegen Mittag erreichen wir schließlich den Hafen von Chaguaramas, etwas westlich der Hauptstadt Port of Spain. Es ist viel los hier; Versorgungsschiffe der Bohrinseln, Fischer, Polizei und Coastguard, sowie natürlich viele Yachten, denn der Ort hat sich mit guter Infrastruktur als sommerliches “Auffanglager” für die Segler etabliert. Weder am Zollsteg, noch in der Ankerbucht oder im gebuchten Boatyard “Powerboats” finden wir Platz, aber zuletzt läßt man uns ausnahmsweise in der Kranbox übernachten. Das erwartete Wetter trifft prompt ein – es ist heiß, schwül, windlos und es regnet. Dazu gibt’s Mosquitos!

Nach dem Einklarieren (teuer!) orientieren wir uns und lernen schnell die ersten freundlichen Mitarbeiter der Marina kennen. Da wir im Weg liegen, werden wir montags sofort aus dem Wasser gehoben. Die Freude ist aber nur kurz, denn dem eher unterdimensionierten Travellift bricht unter unseren 30 Tonnen bald einmal ein Radlager, das wir alle zusammen erst einmal reparieren müssen, um dann zwischen hunderten anderen Booten für die nächsten Monate geparkt zu werden. Jetzt beginnt richtige Arbeit: damit in der hohen Luftfeuchtigkeit nichts schimmelt oder von einem Tropensturm zerfetzt wird, muss – erstmals nach nunmehr zwei Jahren – innen und außen alles ernsthaft versorgt werden. Wir waschen das Dinghi, die Segel und den Großteil aller Leinen, versuchen, in den Regenpausen alles möglichst zu trocknen und verstauen das ganze Zeug unter Deck. Draußen alles abmontieren, Fahrräder weg, Reparaturlisten schreiben, Gelsen erschlagen… Unter Deck ist es fast zu heiß zum Leben!

Trotz dieser ungewohnten Hyperaktivität setzt sich Uli sinnvollerweise wieder einmal durch und organisiert für uns und andere Yachties einen Ausflug zu einem Schildkrötenstrand. Dreieinhalb Stunden benötigt der kleine Bus bis zu einem 40 Kilometer entfernten Ort an der ursprünglichen Nordküste, wo jede Nacht unsere gepanzerten Freunde zur Eiablage kommen. Nur das Rotlicht der Ranger, die hier über die bis zu zwei Meter langen Lederschildkröten wachen, ist erlaubt und deshalb dürfen wir auch nicht fotographieren. Es grenzt an ein Wunder, dass die Tiere trotz der vielen Menschen noch hierher zurückkommen, aber während des Eierlegens sind sie in völliger Trance und man kann die fußballgroßen Köpfe sogar streicheln (was natürlich nicht sein muss). Es gibt so gut wie kein Budget für das Dokumentationszentrum und die freiwilligen Helfer. Daher bleiben die Strände tagsüber unbewacht und werden wieder zum Schwimmen genutzt. Außerdem verfangen sich die Schildkröten in Fischernetzen, werden noch immer gewildert und die Babies haben bekannterweise unzählige Feinde. Aber immerhin ist man sich der Problematik bewußt und bemüht sich sehr um den Schutz dieser schon recht seltenen Tiere, unter der Schirmherrschaft von jungen amerikanischen Wissenschaftlern. Nicht schlecht!

Irgendwann ist dann – so gut es eben geht – alles erledigt und der Tag der Heimreise kommt. Wir freuen uns jetzt schon ziemlich auf Österreich und die Jungs – wir wissen ja noch nicht, dass dort dieses Jahr praktisch ewiger Winter herrscht. Zwecks moderatem Übergang fliegen wir frühmorgens nach Tobago, verbringen den Tag dort noch ein letztes Mal am Strand und setzen die Reise erst abends fort, über Barbados und Frankfurt nach Graz.

Was soll ich sagen – das Schicksal hat es auf dieser mehr als zwei Jahre langen Etappe durchwegs gut mit uns gemeint. Keine Katastrophen, keine Enttäuschungen, jederzeit wieder! Der Zwangspause bis Ende Oktober sehen wir erwartungsvoll entgegen, und irgendwann in nächster Zeit werden wir entscheiden, wohin es danach gehen soll. Im Raum stehen Panama und der Pazifik (sehr weit, faszinierend, aber weiter kaum zu planen), eventuell Neuengland und Maine (alle schwärmen davon, coole Gegend aber sehr kurzer Sommer), oder die Azoren und möglicherweise zurück ins Mittelmeer – wir werden sehen.

Danke für Eure treue Begleitung, Euer Interesse und die (immer willkommenen!) Kommentare.

Big hugs und bis demnächst

Uli & Peer

 

 

 

 

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